kennen Sie diesen Gedanken: »Was hätte ich damals getan«? Mit »damals« meine ich die Zeit des NS-Regimes, eine Zeit, geprägt von Totalitarismus, Rassismus und Gewalt. Ich finde diese Auseinandersetzung mit sich selbst genauso zwingend wie schrecklich. Matthias Brandt, Sohn Willy Brandts, führt die Frage auf erschreckend einfache Weise weiter: »Und bedeutet ›Was tue ich heute‹ nicht in gewisser Weise dasselbe«? Vereinzelt werde ich gefragt, ob es heutzutage denn wirklich noch notwendig ist, »Holocaust- oder Nachkriegsliteratur« zu verlegen? Diese Frage beantworte ich stets mit einem klaren »Ja«, denn wir sehen ja, wie rassistische Politik, Hass und Desinformation in unseren Alltag zurückkehren. »Man muss nicht laut sein, um standhaft zu sein. Es reicht, wenn man weiß, wer man ist – und auf welcher Seite man steht«, zitiert Matthias Brandt seine Mutter Rut. Eine leise, aber gewichtige Stimme »gegen das Vergessen« hat für mich auch Lotte Paepcke. In Unter einem fremden Stern beschreibt sie ihre persönliche Flucht und Verfolgung. Mich erinnert der Roman wie kaum ein anderer daran, warum wir die Stimmen der Verfolgten hören müssen – damals wie heute. Ich wünsche Ihnen eine wachsame Lektüre. Ihr Matthias Grüb