wenn ich als Arzt heute medizinische Entscheidungen treffe, dann, so hoffe ich, überwiegend evidenzbasiert. Ein bisschen Erfahrung schadet vermutlich auch nicht. Umso befremdlicher wirken auf mich die medizinischen Vorstellungen der Lebensreformbewegung vor gut hundert Jahren. Freiluftschlafen bei jedem Wetter, Nacktbaden gegen nervöse Erschöpfung – vieles davon liest sich aus heutiger Sicht eher wie ein ambitioniertes Wellnessprogramm als wie eine Therapie. Und doch steckt in diesen Ideen ein bemerkenswerter Kern: der Wunsch nach einem anderen, freieren Leben. Genau in diese Welt führt uns Kirsten Karg in ihrem neuen Roman Karolinenhöhe. Die junge Krankenschwester Ida Freese kommt aus einfachen Berliner Verhältnissen in die mondäne Kurstadt Baden-Baden und tritt eine Stelle in der Naturheilanstalt Lichtental an. Zwischen den »Verrückten auf dem Berg« und dem mondänen Treiben im Tal entdeckt sie eine Gemeinschaft, die Konventionen hinterfragt und neue Wege sucht – manchmal naiv, oft überraschend modern. Mich beeindruckt, wie lebendig Kirsten Karg diesen fast vergessenen Ort wieder auferstehen lässt und wie feinfühlig sie Idas Suche nach Selbstbestimmung erzählt. Ein Roman über Mut, Freiheit und die Frage, wie viel man riskieren muss, um wirklich man selbst zu sein. Ich wünsche Ihnen eine belebende Lektüre. Ihr Matthias Grüb